Photovirus

Sie sind hier:  >>> Photovirus 

Das Photographie-Virus

Medizinische Beschreibung eines Phänomens

Über Viren im Allgemeinen lassen sich zwei Dinge sagen. Zum einen: Menschen reagieren auf das gleiche Virus durchaus sehr unterschiedlich. Was beim Einen schon eine ausgewachsene Grippe auslöst, produziert bei Anderen gerade mal einen leichten Husten. Zum anderen: Die moderne Medizin hat inzwischen gegen die meisten gängigen Viren irgendein Mittelchen gefunden, das die auftretenden Beschwerden erheblich lindert.
Das Erste trifft auf das Photographie-Virus noch zu – das Zweite nicht!

Das Photographie-Virus breitet sich meist zunächst unbemerkt aus. Begünstigt wird seine Verbreitung durch die Vielzahl seiner Unterarten, die es in die Lage versetzen, bei fast Jedem eine persönliche Schwäche zu finden und diese bis aufs Letzte auszunutzen. Die häufigsten Unterarten sind die Landschafts- -, Portrait -, Akt - und Stilllebenphotographie. Daneben sind auch Exoten wie die Stereographie u.a. seit langem bekannt.

Als besonders heimtückischer Vertreter seiner Gattung befällt das Photographie-Virus den Infizierten an Geist, Seele und Verstand gleichermaßen. Es zwingt ihn zum permanenten Versuch, ein Bild zu machen, das - erstens - bezüglich Linienführung, Bildaufbau etc. allen handwerklichen Regeln entspricht (Verstand), das – zweitens - eine emotionale Reaktion im Betrachter auslöst (Seele) und darüber hinaus – drittens - auch noch eine gewisse intellektuelle Bildaussage beinhaltet (Geist). Das Problem besteht nun darin, dass solch ultimative Bilder dem Photographen nur höchst selten gelingen. Die Devise des Virus lautet jedoch nicht “weniger ist mehr“ sondern “Klotzen statt Kleckern“, so dass die Erkrankten pfundweise volle Festplatten und Datenträger zu Hause hat und nicht selten produzieren diese Menschen bei Workshops, Seminaren oder für spezielle Projekte hunderte Bilder an einem einzigen Tag, stets in der Hoffnung dass diesmal das ultimative Bild darunter ist.

Das Photographie-Virus treibt seinen Wirt auf der Suche nach dem Motiv seiner Begierde ruhelos umher. In dieser rastlosen und von Ehrgeiz getriebenen Suche spielen Wetter und Tageszeit alsbald keine Rolle mehr. Hat er ein solches Motiv schließlich entdeckt, versucht er durch alle möglichen und auch unmöglichen Verrenkungen die Perspektive zu finden, die das Bild auf den Chip bannt, das er schon lange vor seinem geistigen Auge sieht. Nach dem Betätigen des Auslösers stellt sich ein euphorisches Gefühl ein. Stolz seine “Beute“ erlegt zu haben, kehrt der Kranke nach Hause zurück, um seine Bild auf dem PC zu laden und zu begutachten. Wenn der Patient nach schier endloser Zeit endlich das Bild auf dem Chip gefunden hat, stellt er nun entweder fest, dass das was er sah und das was die Kamera sah, doch wieder einmal zwei Paar Stiefel waren, oder – wenn er das sieht, was er sich doch längst vorgestellt hatte, dann verfällt er in Euphorie und freut sich wie ein kleines Kind.

In dieser Euphorie verschwindet der Patient ganze Tage und Nächte vor dem Computer, um die Bilder so aufzubereiten, daß er sie aller Welt zeigen kann. Trotz dieser positiven, oft geradezu ausgelassenen Stimmung ist ihm stets bewusst, dass andere Erkrankte seine supermegaübertollen Bilder mit Argusaugen betrachten und ganz sicher einige Punkte oder Pixel finden werden, die man hätte besser machen können. Meistens kennt er alle Kritikpunkte und Fehler ohnehin selbst, denn unser Patient verbringt ja derart viel Zeit mit seinem Bild, dass er jedes Detail kennt. Obwohl Infizierte die Kritik ihrer Leidensgenossen durchaus fürchten, fühlen sie sich gezwungen, sich mit Anderen über photographische Themen auszutauschen und so rotten sie sich nicht selten in Selbsthilfegruppen zusammen, die sie selbst als “Fotoclubs“ bezeichnen.

Von Zeit zu Zeit steigt der Grad der Erkrankung steil an, denn das Photographie-Virus zwingt seinen Wirt auch, seine Werke zu zeigen. Zu diesem Zweck organisieren besagte “Fotoclubs“ Ausstellungen, Vorführungen und sogar Wettbewerbe - in extremer Form sogar mit Jury, Platzierungen und Preisen. In solchen Phasen durchlebt der Erkrankte alle Höhen und Tiefen seiner Gefühlswelt. Er lädt zu solchen Veranstaltungen sogar gesunde Menschen ein, denn das Virus erzeugt Verlangen nach Anerkennung und Lob. Anderseits stürzen ihn Kritik und Nichtbeachtung seiner Werke potenziell in tiefe Depression.

Zwar weist der Krankheitsverlauf immer wieder auch Phasen auf, in denen das Virus inaktiv ist, doch bereits der geringste Kontakt mit infektiösem Material (z.B. einem guten Bild, einer beeindruckenden Dia-Show o.Ä.) kann die Krankheit erneut ausbrechen lassen, oft sogar mit solcher Wucht, dass der Betreffende augenblicklich die - in seinen Erzählungen grundsätzlich - “zentnerschwere“ Photoausrüstung schultert und loszieht. U.U. kann bereits die einfache Frage: „Du photographierst doch?“ einen solchen Rückfall auslösen.

In der Regel ist die Krankheit (von den Erkrankten meist als “Hobby“ bezeichnet) nach ihrem Ausbruch nicht mehr heilbar. Allen Widrigkeiten zum Trotz lässt sich der Patient nicht von seinem Vorhaben abbringen, irgendwann das Bild seines Lebens zu machen, obwohl er doch genau weiß, dass dies eigentlich eine Utopie ist.
Doch noch so viele gute wie schlechte Ratschläge und Bilder werden ihn – einmal infiziert - nicht mehr von diesem Virus befreien können, denn das perfekte Bild zu machen, ist subjektiv und objektiv gesehen eigentlich nur ein nicht zu erreichender Wunsch!